KPIs, Kreislaufwirtschaft und Textilindustrie

Sabine Büttner

KPIs, Kreislaufwirtschaft und Textilindustrie

Seit April 2024 wird die Webseminarreihe #CEresearchNRW unter der Flagge des Projekts „Circular Perfomer Emscher Lippe (CirPEL)“ weitergeführt – aber auch künftig geht es um aktuelle Forschung und Praxisberichte rund um die Circular Economy. Am 06.06.2024 standen die Messbarkeit von Zirkularität und Beispiele aus der Textilindustrie im Mittelpunkt des Seminars.

Knotenpunkt KPI. Toröffner der zirkulären Transformation

Im ersten Vortrag präsentierten die Referent:innen ein Modell zur Bewertung und Messung von Zirkularität im Unternehmen und schlugen vor, ergänzend auch die Nachhaltigkeitsleistung der bewerteten Aktivitäten zu bestimmen.

Zum Einstieg verdeutlichte Julian Mast (Hochschule Ruhr West), welche wichtigen Funktionen Leistungsindikatoren (KPI = Key Performance Indicators) für die zirkuläre Transformation erfüllen können, bevor Ivonne Caballero (fresh at work GmbH & Co. KG, ehem. Hochschule Ruhr West) das CTI Framework zur Bestimmung von Leistungsindikatoren für die Circular Economy vorstellte.

Das CTI Framework schlägt Metriken – Circular Transition Indicators – vor, mit denen Unternehmen den Grad ihrer „Zirkularität“ auf Produkt-, Abteilungs- oder Unternehmensebene messen können. Dabei wird zwischen dem Zufluss, der die Kreislauffähigkeit der beschafften Ressourcen, Materialien, Produkte und Bauteile beschreibt, und zwei Arten von Abflüssen unterschieden: das Rückgewinnungspotenzial und die tatsächliche Rückgewinnung.

Metriken zur Erfassung von Zirkularität sagen aber noch nichts darüber aus, ob damit auch positive Nachhaltigkeitswirkungen erzielt werden bzw. in welchem Maße dies der Fall ist, so Mast. So seien Rückführlogistik und Wiederaufbereitungsaufwände von Material nicht pauschal mit geringeren Umweltwirkungen verbunden als Primärmaterialförderung. Daher kann ergänzend zu den Circular-Economy-Metriken die Methodik des Life Cycle Sustainability Assessment herangezogen werden, um eine ganzheitliche Bewertung von Nachhaltigkeit zu ermöglichen, die auch die gesamte Wertschöpfungskette einbezieht. Diese leitet sich aus dem Vorgehen des environmental Life Cycle Assessment (LCA) (DIN EN ISO 14040ff) ab.

Kern des Vortrags war dann ein achtschrittiges Vorgehensmodell zur Bewertung von Zirkularität und ihrer Wirkung, das Caballero und Mast abwechselnd erläuterten.

  1. Festlegung der Grenzen (Untersuchungsgegenstand und Systemgrenzen)
  2. Erstellung einer Sachbilanz (veranschaulicht an einer exemplarischen Wertschöpfungskette der Textilherstellung)
  3. Identifikation von KPIs (Beispiel Taschenhersteller FREITAG, KPI: Reparaturen pro Jahr; KPI-Kategorien des CTI-Frameworks)
  4. Datenbeschaffung (Die Verfügbarkeit von Daten ist zentral für das Vorgehen; am Beispiel der textilen Wertschöpfungskette wurde verdeutlicht, dass die Datenbeschaffung insbesondere für die Phasen Nutzung und Entsorgung schwierig ist; die Datenlage ist auch ein Faktor für die Auswahl von KPIs)
  5. Berechnung (der Zirkularität über die entsprechenden KPIs wie auch der Nachhaltigkeitswirkung via LCA)
  6. Interpretation der Ergebnisse (z.B. durch Betrachtung der Leistungen im Zeitverlauf, Aufdeckung von Verbesserungspotenzialen und Ableitung führender KPIs für Verbesserungen)
  7. Priorisierung auf Grundlage einer Risiken- und Chancenbetrachtung
  8. Definition von SMARTen Zielen (spezifisch, messbar, ambitioniert, relevant, zeitbezogen)

Mast und Caballero kamen zu dem Fazit, dass die beiden vorgestellten Methodiken (CTI Framework und LCA) jeweils spezifische Herausforderungen mit sich brächten: Die CTI-Kennzahlen erlauben einen relativ großen Interpretationsspielraum, während der Untersuchungsrahmen (i.d.R. das Unternehmen) eingeschränkt sei und die Bewertung der Nachhaltigkeitswirkung fehle. Beim LCA hingegen könne die Datenbeschaffung über den gesamten Produktlebenszyklus hinweg hohen Aufwand bedeuten oder – mit Blick auf die nachgelagerte Wertschöpfungskette – sogar ganz unmöglich sein. Dennoch sei es wichtig, beide Ansätze zusammenzubringen, um das Bild zu vervollständigen und die Nachhaltigkeitswirkung von zirkulären Strategien und Maßnahmen berücksichtigen zu können.

Siehe hierzu auch die Blogartikel Zirkuläre Wertschöpfung und ihre Nachhaltigkeitswirkungen messen und Messbarkeit in der Praxis: Zirkuläre Wertschöpfung in der Textilindustrie auf dieser Website.

No Data. No Sustainability.

Im zweiten Vortrag stellte Cenia Zitter, CSR- und Marketing-Managerin der 140Fahrenheit GmbH, vor, „wie ein Startup aus Mönchengladbach die Jeansproduktion mit KPIs umkrempeln will“ (so der Untertitel).

Dazu wies sie zunächst auf die großen Herausforderungen der Textil- und Bekleidungsbranche hin, die für riesige Abfallmengen, etwa 10 % der globalen CO2-Emissionen und einen enormen Frischwasserverbrauch verantwortlich ist.

140Fahrenheit, ein noch junges Unternehmen, das ausschließlich im Bereich der Textilveredelung tätig ist, nämlich in der Herstellung der charakteristischen Jeans-Waschungen, versucht diese Herausforderungen anzugehen:

„Used Looks“ von Jeans werden mit Lasereinsatz hergestellt, nicht durch das übliche „hand scraping“. Zum Bleichen wird Ozongas eingesetzt, ein Verfahren, das besonders umweltschonend ist.

Da die größten Hebel jedoch beim Energie- und Wasserverbrauch liegen, setzt 140Fahrenheit insbesondere hier mit Maßnahmen und KPIs an:

Die Energie kommt zu 30 % aus lokalen Solaranlagen und zu 70 % aus regionaler Windkraft – es wird also zu 100 % Strom aus erneuerbaren Quellen genutzt. Zum Erwärmen des Waschwassers wird außerdem das Kondensat des Wasserdampfs, mit dem Maschinen geheizt werden, sowie Druckluft-Abwärme aus anderen Prozessen eingesetzt. Auf diese Weise reduziert sich der Energieverbrauch für Heizprozesse.

Frischwasser spart 140Fahrenheit durch die Aufbereitung und Mehrfachnutzung von Wasser in verschiedenen Waschkaskadierungen sowie für die Abluftreinigung ein.

Durch diese Maßnahmen kann 140Fahrenheit den Frischwasserverbrauch pro Bearbeitung einer Hose von ca. 60 Liter (Industriestandard) auf 19,5 Liter senken. Das verwendete Frischwasser wurde 2023 zu 27 % „recycelt“, also wiederaufbereitet.

Eine Voraussetzung für die Messbarkeit und damit auch die Optimierung von Energie- und Wasserverbräuchen ist die digitale Datenerfassung und -transparenz. Die Messbarkeit der eigenen Auswirkungen sei für einen Dienstleister in der Wertschöpfungskette wie 140Fahrenheit vergleichsweise einfach, da alle Prozesse vor Ort stattfänden, führte Zitter aus.

Zum Einsatz kommen zahlreiche Sensoren zur Temperaturmessung, die mit intelligenter Steuerung gekoppelt sind, um Energie bedarfsgerecht zu nutzen und damit einzusparen. Verbräuche werden für jedes Medium sowie jede Maschine gemessen. Die Daten sind in Echtzeit verfügbar und einem ständigen Monitoring unterzogen.

140Fahrenheit nutzt außerdem das Audit-Tool Higg FEM, das nach einem Self Assessment und Dateneingaben in acht Kategorien zum einen zur Zertifizierung eingesetzt wird, zum anderen aber auch Risiken und Verbesserungspotenziale identifiziert.

 

Freuen Sie sich gemeinsam mit uns auf das nächste Webseminar, das voraussichtlich am 5. September 2024 stattfinden wird.

Bis dahin, Ihr Prosperkolleg-Team