Zirkuläre Wertschöpfung und ihre Nachhaltigkeitswirkungen messen

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Ivonne Caballero Echeverría

KPIs für die zirkuläre Wertschöpfung und ihre Nachhaltigkeitswirkungen

Messbarkeit ist eine wichtige Basis für Verbesserungen. Dies gilt auch für Unternehmen, die von einem linearen zu einem zirkulären Wirtschaftsmodell übergehen wollen: Anhand quantifizierbarer Leistungsindikatoren (KPIs) können sie strategische Ziele in Bezug auf Zirkularität und Nachhaltigkeit planen und überprüfen. KPIs dienen dabei nicht nur als Informationsquelle, sondern auch als Motor für nachhaltigkeitsbezogene Innovationen. Diese Innovationen tragen dazu bei, Abfälle und Umweltbelastungen zu reduzieren, die Lebensdauer von Produkten zu verlängern und neue Geschäftsmodelle im Wertschöpfungsnetzwerk zu entwickeln (WBCSD 2023, S. 4-5).

In diesem Zusammenhang ist es wichtig, sich nicht nur auf die Messung der Zirkularität zu konzentrieren, sondern auch die Auswirkungen auf die verschiedenen Dimensionen der Nachhaltigkeit zu erfassen. Beispielsweise kann die Rückführung von Produkten und Materialien zu ihrer Wiederverwertung zusätzliche Emissionen verursachen oder Recyclingprozesse können unerwünschte Schadstoffe freisetzen.

Im folgenden Abschnitt wird ein Werkzeug zur Analyse des Status quo und zur Entwicklung zirkulärer Ziele für Unternehmen vorgestellt. Anschließend wird ein Vorgehensmodell zur Messung der Nachhaltigkeitswirkung von Unternehmen und ihren Produkten beschrieben.

Instrumente: CTI Framework und Sustainable Life Cycle Assessment (SLCA)

Das CTI (Circular Transition Indicators) Framework ist ein umfassendes Instrument, das Unternehmen bei der Umstellung auf ein zirkuläres Wirtschaftsmodell unterstützt. Das vom World Business Council for Sustainable Development (WBCSD) und dem Beratungsunternehmen KPMG entwickelte Rahmenwerk ermöglicht es Unternehmen, ihre aktuelle Situation zu analysieren und Ziele für eine effiziente Ressourcennutzung und Abfallminimierung festzulegen. Es beinhaltet die Bewertung der innerbetrieblichen Stoffströme und unterscheidet zwischen Zu- und Abflüssen, wobei sowohl das Rückgewinnungspotenzial als auch die tatsächliche Rückgewinnung berücksichtigt werden.

Mit Hilfe des CTI Frameworks können Unternehmen also die Kreislauffähigkeit von Ressourcen und die Effektivität der Kreislaufschließung analysieren. Es unterstützt auch bei der Integration zirkulärer Prinzipien in die Unternehmensstrategie und bietet ein Online-Tool zur strukturierten Datenerfassung und Berechnung von Indikatoren (WBCSD 2023, S. 12-17).

Doch welchen Beitrag leisten zirkuläre Maßnahmen für das Erreichen der Nachhaltigkeitsziele? Nicht immer bedeutet ein Mehr an Zirkularität auch ein Mehr an Nachhaltigkeit. Eine der effektivsten Methoden, um die Auswirkungen zirkulärer Maßnahmen zu messen, ist das Sustainability Life Cycle Assessment (SLCA). Sie basiert auf dem (Umwelt-)Life Cycle Assessment (LCA), das in den ISO-Normen 14040ff definiert ist, und berücksichtigt neben ökologischen auch soziale und ökonomische Aspekte. Die Ökobilanz erfasst alle Umweltwirkungen eines Produkts von der Rohstoffgewinnung bis zur Entsorgung („cradle to grave“) (Klöpffer & Grahl 2009, S. 4) und ermöglicht deren Abbildung bzw. Umrechnung in ökologische, soziale und ökonomische Indikatoren.

Acht Schritte zur Messung von zirkulärer Wertschöpfung und Nachhaltigkeit

Unternehmen, die zum ersten Mal ihre zirkuläre Wertschöpfung messen, stehen vor der Herausforderung, geeignete KPIs zu identifizieren, welche die Zirkularität ihrer Aktivitäten und deren Beitrag zu den Nachhaltigkeitszielen aufzeigen. Das folgende Vorgehen, basierend auf dem CTI Framework, kann dabei unterstützen:

1. Festlegung der Grenzen

Zunächst müssen die Gründe für die Einführung zirkulärer Maßnahmen im Unternehmen geklärt werden, da diese den Umfang der Analyse bestimmen. Festgelegt wird, ob das gesamte Unternehmen, eine Geschäftseinheit, eine Produktgruppe oder bestimmte Materialien bewertet werden sollen, einschließlich der quantifizierbaren Vorteile, die das Unternehmen oder das Produkt erzielt.  Darüber hinaus sind die Systemgrenzen in räumlicher, zeitlicher und technischer Hinsicht festzulegen. Der Betrachtungszeitraum kann z. B. ein Jahr oder bestimmte Produktions- und Nutzungszyklen umfassen (WBCSD 2023, S. 33).

2. Sachbilanz der Input- und Output-Ströme

Sobald die Grenzen festgelegt sind, muss eine Sachbilanz der Input- und Output-Ströme erstellt werden, d. h. der Ressourcen, Materialien, Produkte und Komponenten, Abfälle und Emissionen, die in das Unternehmen gelangen und es verlassen.

3. Identifikation von KPIs

Nach der Durchführung der Sachbilanz und der Festlegung der Unternehmensstrategie ist es an der Zeit, den Fortschritt in Richtung zirkulärer Wertschöpfung und Nachhaltigkeit anhand von Indikatoren zu bestimmen. Indikatoren, die Zirkularität messen, sollten die verschiedenen Aspekte des Produktionssystems ebenso sowie Konsummuster und neue Geschäftsmodelle widerspiegeln (Saidani et al. 2019, S. 549). Ein Beispiel ist das Ziel, bis 2030 50 % der Produkte durch zirkuläre Dienstleistungen wie Wiederverwendung und Reparatur länger im Umlauf zu halten.

Es müssen jedoch weitere Indikatoren in Betracht gezogen werden, die Aspekte abdecken, die in einer klassischen Ökobilanz nicht enthalten sind. So ist z. B. auf sozialer Ebene die Einhaltung der Menschenrechte in den Lieferketten von großer Bedeutung. Aus ökonomischer Sicht sind Indikatoren wie Wartungskosten relevant und aus ökologischer Sicht spielt der CO2-Fußabdruck eine wichtige Rolle.

4. Datenbeschaffung

Die Verfügbarkeit von Daten ist ein entscheidender Faktor. Häufig sind Primärdaten, d. h. Daten aus erster Hand, nicht verfügbar, so dass auf Sekundärdaten zurückgegriffen werden muss. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, das richtige Werkzeug bzw. die richtige Software für die Verwaltung und Analyse der Daten zu wählen. Datenbanken und Ökobilanzierungssoftware wie Open LCA können hier wertvolle Unterstützung bieten, um relevante Daten effizient zu beschaffen und zu verarbeiten.

5. Durchführung der Berechnung

KPIs werden in Metriken wie Prozent, numerischen Einheiten oder Zeit-, Maß- und Gewichtseinheiten erfasst. Verschiedene Methodologien, wie das CTI Framework, bieten Berechnungsansätze. Bei der Berechnung des CO2-Fußabdrucks werden beispielsweise alle mit der Produktion verbundenen Prozesse berücksichtigt, um die CO2-Äquivalente des Endprodukts zu ermitteln.

6. Interpretation der Ergebnisse

Bei der Interpretation der Ergebnisse sollte sowohl die aktuelle Leistung als auch die Leistung im Zeitverlauf betrachtet werden. Die aktuelle Leistung eines Unternehmens ermöglicht es ihm, sein eigenes Verbesserungspotenzial zu untersuchen, indem es den Prozentsatz seines Geschäfts untersucht, der noch als linear gilt. Andererseits ist die Leistung im Zeitverlauf für ein Unternehmen von entscheidender Bedeutung, um seine Fortschritte mit den formulierten Zielen und Zeitvorgaben vergleichen zu können (WBCSD 2023, S. 75).

7. Priorisierung

Die Ergebnisse der Bewertung der zirkulären Leistung zeigen, welche Prozesse das größte Verbesserungspotenzial haben. Um diese Ergebnisse effektiv nutzen und Maßnahmen priorisieren zu können, gilt es, lineare Risiken und zirkuläre Chancen zu identifizieren. Darüber hinaus müssen auch andere Risiken berücksichtigt werden, wie etwa rechtliche Risiken, die sich aus aktuellen und zukünftigen Vorschriften und Normen ergeben (WBCSD 2023, S. 89).

8. Festlegung der Ziele

Nach der Analyse und Priorisierung von Risiken und Chancen besteht der nächste Schritt darin, “SMART”-Ziele zu formulieren, die spezifisch, messbar, ambitioniert, realistisch und terminiert sind. Entscheidend ist die anschließende Umsetzung von Maßnahmen zur Zielerreichung, wobei genau festgelegt werden muss, was, wann und von wem zu tun ist (WBCSD 2023, S. 99).

Die Entwicklung von Zielen für die zirkuläre Wertschöpfung ist ein kontinuierlicher Prozess, der ständige Anpassungen und Verbesserungen erfordert. Instrumente wie das CTI Framework unterstützen Unternehmen dabei, den Grad der Zirkularität zu bestimmen, klare Ziele zu setzen und KPIs zu definieren. Darüber hinaus ist die Bewertung der Auswirkungen einer verstärkten Zirkularität entscheidend für die Erreichung von Nachhaltigkeitszielen.

Literaturverzeichnis

Klöpffer, W., Grahl, B. (2009): Ökobilanz (LCA): Ein Leitfaden für Ausbildung und Beruf. Wiley-VCH.

Saidani, M., Yannou, B, Leroy, Y., Cluzel F., Kendall, A. (2019): A taxonomy of circular economy indicators. In: Journal of Cleaner Production, 207, S. 542-559. DOI: 10.48550/arXiv.1901.02709.

WBCSD (Hg.) (2023a): Circular Transition Indicators V4.0 Metrics for business, by business. Online verfügbar unter https://www.wbcsd.org/Programs/Circular-Economy/Metrics-Measurement/Resources/Circular-Transition-Indicators-v4.0-Metrics-for-business-by-business, zuletzt geprüft am 15.01.2024.

 

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Mit dem Thema dieses Beitrags beschäftigt sich in ausführlicherer Form auch der Artikel Mit KPIs die zirkuläre Wertschöpfung und ihre Nachhaltigkeitswirkung messbar machen aus unserer Reihe „Prospektiven – Neues zur zirkulären Wertschöpfung“ (2023/2).